Eine Stadt und ihr Gefängnis – Der Ruf aus Bautzen | MDR DOK

Wolfgang Stephan hat in der JVA Bautzen seine dunkelsten Stunden erlebt. In der DDR wird er wegen Schwarzhandel und Veruntreuung sozialistischen Eigentums verurteilt – zu sieben Jahren Haft. Im Januar 1989 muss er diese antreten. Nur wenige Monate später ist das ganze Land im Umbruch – auch hinter den Gefängnismauern in Bautzen fordern die Menschen Veränderungen. Im Herbst ’89 kommt es zu Häftlingsaufständen. Wolfgang Stephan begegnet in dieser Zeit Pfarrer Burkhard Schulze. Um Gewalt zu verhindern, ist der Kirchenmann fast täglich im Gefängnis und vermittelt zwischen Häftlingen und Anstaltsleitung.

Am Runden Tisch wird monatelang verhandelt. Es gelingt den Vertretern der Kirche, der Anstaltsleitung und des Häftlingsbeirats, ein Blutvergießen zu verhindern. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat Frank Hiekel, damals stellvertretender Anstaltsleiter, heute Chef der JVA Bautzen. Nach über 30 Jahren treffen Wolfgang Stephan, Burkhardt Schulze und Frank Hiekel noch einmal aufeinander und erinnern sich an die dramatische Zeit von damals.

Die Strafvollzugsanstalt Bautzen wurde um 1900 als reformorientierte Strafanstalt für Männer gebaut. Jahrzehnte später wird die Einrichtung zu einem Ort von Unterdrückung, Willkür und menschenunwürdigen Haftbedingungen – von 1933 bis 1945 unter den Nazis, anschließend bis 1950 als Speziallager für Kriegsverbrecher und politische Gegner unter sowjetischer Militäradministration, danach als Gefängnis für den allgemeinen Vollzug in der DDR. Der Spruch „Ab nach Bautzen“ klang nicht verheißungsvoll. Das „Gelbe Elend“ – wie der Knast im Volksmund genannt wurde – löste bei den Häftlingen Angst und Schrecken aus.

Im Schatten der großen Haftanstalt steht Bautzen II – der sogenannte Stasiknast, das Gefängnis für politische Sondergefangene. Bis zur Wende sitzen mehr als 2.400 Häftlinge ein. Spione, Doppelagenten, vor allem aber politische Gefangene der DDR, unter ihnen auch etliche Prominente. Weggesperrt auf fünf Etagen in Einzel-, Zweier- und in Isolationszellen. Diesem Haus und den leidvollen Geschichten der Inhaftierten verdankt Bautzen bis heute seinen zweifelhaften Ruf.

Seit 1993 Gedenkstätte, wird hier an die Opfer in beiden Strafvollzugseinrichtungen erinnert. Auch die Schicksale von Jochen Stern und Alexander Latotzky sind dokumentiert. Jochen Stern wird als 19jähriger 1948 verhaftet und von der sowjetischen Militäradministration wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren verurteilt. Insgesamt verbringt er sechseinhalb Jahre im Speziallager Bautzen I und erlebt 1950 die Häftlingsunruhen mit, die vom Wachpersonal brutal niedergeknüppelt werden.

Alexander Latotzky erblickt das Licht der Welt in einer Zelle des Gelben Elends. Seine Mutter wird inhaftiert, weil sie es gewagt hatte, die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Mutter durch sowjetische Soldaten anzuzeigen. Drei Jahre verbringen Mutter und Sohn gemeinsam in verschiedenen Lagern, danach werden sie getrennt. Nach etlichen Heimaufenthalten wird Alexander Latotzky seine Mutter erst in Westberlin wiedersehen, da ist er bereits neun Jahre alt. Bis heute engagieren sich Jochen Stern und Alexander Latotzky gegen das Vergessen im Bautzen-Komitee und sind gefragte Zeitzeugen im jährlich stattfindenden Bautzen-Forum.

Der Film erzählt von den Anfängen der JVA Bautzen als Reformbau, über die dunklen Kapitel seiner Geschichte bis zu der modernen humanen Strafvollzugseinrichtung von heute. Wir begegnen Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die Strafanstalt erlebt haben und für die das „Gelbe Elend“ ein Schicksalsort geworden ist. Zugleich sind die Ereignisse im Wendejahr 1989/90 auch ein Beispiel dafür, dass Menschen trotz unterschiedlicher Biografien und Sichtweisen immer die Chance haben, sich menschlich zu verhalten und somit Gewalt und Blutvergießen verhindern.

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