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Hühner Wahnsinn – Das eiskalte Geschäft mit dem Geflügel

Kategorien: Essen, Fleisch, k. A., Nahrungsmittel, Offline, Tiere

90.000 Tonnen gefrorene Hühnerteile importiert Ghana jährlich, produziert in den Schlachthäusern Europas oder Amerikas. Die Schwemme der Hühnerteile aus den Industrienationen zerstört in den afrikanischen Entwicklungsländern die lokalen Märkte, treibt dort Hühnerfarmer und verarbeitendes Gewerbe in den Ruin.
Lokale Märkte brechen zusammen 2004 kostete ein Kilo Hühnerfleisch in Ghana umgerechnet 1,50 Euro. Möglich werden solche Dumpingpreise, weil europäische und amerikanische Firmen im großen Stil Hühnerteile nach Afrika exportieren. Tiefgefroren gelangen die Hühner aus Brasilien, den USA, Holland und Frankreich in die afrikanischen Märkte und zerstören einen ganzen Wirtschaftszweig. Von den Futtermittelherstellern über die Hühnerfarmen, bis zu Händlern, Schlachtern und Rupfern – viele Menschen lebten einst von der Geflügelproduktion. In Akra (Ghana) auf dem Ganeshi Markt wurden früher 3.000 lebende Hühner pro Tag verkauft. Seit der Importschwemme ist das Geschäft vollkommen zusammengebrochen, genauso wie die Betriebe, die indirekt vom Geflügel lebten.

1.000 Tonnen Hühnerteile aus den Industrienationen werden pro Monat alleine in ein Kühlhaus in Akra importiert. In den Industrienationen werden die Hühnerzüchter und Futtermittelhersteller zum Teil mit Steuermitteln subventioniert. Geldern, die den ärmsten der Armen nun der Garaus machen. Heute, nach dem Ansteigen der Lebensmittelpreise in den letzten Jahren, kostet Hühnerklein in Akra etwas mehr. Doch mit 2,70 Euro ist importiertes Geflügel immer noch fast doppelt so teuer wie lokal produziertes.

Mit Dumpingpreisen zum Monopol?
Doch woher stammen die Dumpinghühnchen? Bei der Wahl, ob es “Brust oder Keule” geben soll, haben sich die Deutschen eindeutig entschieden: Nirgendwo wird so viel Hähnchenbrust gegessen wie in Deutschland. Schätzungsweise 80 Prozent des in Deutschland im Supermarkt verkauften Hähnchens ist Brustfleisch. Der Reste geht oft nach Afrika. Doch die Tiefkühlhändler vor Ort verdienen nur wenig an dem Importhuhn. Vor allem Züchter in den Industrienationen und die Speditionen machen den wirklichen Gewinn bei diesem fragwürdigen Geschäft. Rudolf Bunzel vom evangelischen Entwicklungsdienst vermutet hinter den Machenschaften ein System: Wenn mit Dumpingpreisen erst ein Monopol auf dem lokalen Markt geschaffen wurde, ließen sich die Preise bald darauf anheben, um mehr Gewinn zu machen.

85 Prozent des Fleisches nicht zum Verzehr geeignet
Lupe
Einer von vielen Kleinbetrieben in Ghana
Neben dem Zusammenbruch der lokalen Märkte haben die Tiefkühl-Importe auch noch andere negative Auswirkungen: In einem Land ohne eine funktionierende Kühlkette ist tiefgefrorenes Hähnchen ein erhebliches Risiko. Die Menschen erkranken an dem Verzehr von verdorbenem Hähnchen. Auch nimmt man es bei den Exporten nach Afrika mit den Mindesthaltbarkeitsdaten vermutlich nicht so genau. Verbindliche Hygienevorschriften gibt es in Afrika selten. In Kamerun wurde Ende der 90er Jahre bei Kontrollen festgestellt, dass von 200 Tiefkühlhähnchen-Stichproben 85 Prozent des Fleisches nicht zum menschlichen Verzehr geeignet waren.

Daraufhin verbot Kamerun den Import von Tiefkühlhähnchen. Ghana hat diesen Schritt noch nicht vollbracht. Die Welthandelsorganisation und die Industrienationen bestehen auf einem “freien Fluss der Waren” – gemeint sind meistens ihre Waren. Schnell wird die Abschottung der Märkte mit dem Einfrieren von Krediten quittiert.Oliver de Schutter, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen, sieht die einzige Chance, welche Entwicklungsländer in einer globalisierten Welt haben, in dem Schutz der lokalen Narungsmittelproduktion. Dieses sei eine absolut wichtige Voraussetzung.

IWF und EU schlachteten Ghanas Hühnerindustrie
Doch die Realität sieht anders aus. Ghana beschloss 2003, die Importzölle auf Geflügel und Reis zu erhöhen. Der Internationale Währungsfond (IWF) schaltete sich ein und forderte, die ghanaische Regierung solle das Gesetz noch einmal überdenken. Andernfalls müsse der IWF die Vergabe neuer Kredite an Ghana prüfen. Die Zölle seien nicht zur Armutsbekämpfung geeignet. Dieser Meinung war auch die Europäische Union. Pascal Lamy, ehemaliger EU-Handelskommissar und heute Chef des IWF, reiste im April 2003 nach Accra, verstärkte den Druck auf die Regierung, welche wenige Monate später aufgab. Der IWF versetzte der ghanaischen Geflügelindustrie den Todesstoß. Inzwischen haben die Verantwortlichen des IWF dieses sogar zugegeben. In einem Papier heißt es: “Es scheint, dass unsere Mitarbeiter unzureichende Informationen hatten, um die Maßnahme (die Zollerhöhung) richtig zu beurteilen. Im Nachhinein stellt sich der Hühnersektor viel verletzbarer durch Importe dar, als unsere Mitarbeiter glaubten.”

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